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Aus­sichts­turm auf dem Scheiben­berg

1994, Andreas Engelhardt, Leser:innen-Tipp, Sachsen
Scheibenberg, Aussichtsturm, Blick in das Treppenauge (Bilder: Jörg Seifert)

Scheibenberg, Aussichtsturm, Blick ins Turmdach (links) und in den Treppenaufgang (Bilder: Jörg Seifert)

  • Aussichtsturm

zum Buch


BAU: Aussichtsturm
ADRESSE: Auf dem Berg 1, 09481 Scheibenberg
BAUZEIT: 1993–1994
MITWIRKENDE: Andreas Engelhardt (Architektur); Walter Brenner (Ingenieurbüro)


Tourist:innen suchen den Weg auf den gut 800 Meter hohen Scheibenberg – zwischen dem sächsischen Chemnitz im Norden und dem tschechischen Karlovy Vary (Karlsbad) im Süden – vor allem wegen eines UNESCO-Welterbes: die Orgelpfeifen, ein Basaltformation mit „Säulen“ aus erstarrter Lava. Aber, wenn man schon einmal oben ist, lohnt ein Abstecher in den Berggasthof und natürlich auf den Aussichtsturm. Nach nochmals knapp 30 Metern und 114 Treppenstufen reicht der Ausblick bei gutem Wetter weit ins Erzgebirge. Ein sehenswertes Bauwerk der 1990er Jahre, dessen Geschichte bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht, gibt es dabei gratis obendrauf.

Scheibenberg, Aussichtsturm (Bilder: links: historische Postkarte; rechts: Jörg Seifert)

Scheibenberg, Aussichtsturm, vor (links) und nach dem Neubau (Bilder: links: historische Postkarte, um 1930; rechts: Jörg Seifert)

Der Turm der Königin

An der Stelle des heutigen Aussichtspunkts stand lange sein historistischer Vorgänger: der Carola-Turm, benannt nach der letzten sächsischen Königin. Als Mauerwerksbau aus Ziegel- und Basaltsteinen wurde er 1891 mit einer Höhe von 26 Metern errichtet. Nach 25 Jahren musste man ihn an den Ecken und in der Waagrechten mehrfach mit Stahl verstärken und kaschierte diese Sicherungen mit hellem Putz. Doch 1956 wurde der Turm baupolizeilich gesperrt und 1971 schließlich gesprengt. Der daneben liegende Berggasthof blieb so lange ohne seine Hauptattraktion.

Direkt nach der deutschen Wiedervereinigung wurde der Wunsch lauter, hier wieder einen Turm zu errichten. Er sollte dem historischen Vorbild nahe kommen, dieses aber mit den Mitteln der Moderne neu interpretieren. Ab 1990 hatte man für den Neubau gesammelt, 1992 den Fördermittelantrag eingereicht, 1993 die Bauvoranfrage gestellt und (nach dessen Genehmigung) am 5. November 1993 den Grundstein gelegt. Die Turmweihe konnte bereits am 4. Juni 1994 begangen werden.

Scheibenberg, Aussichtsturm, Blick in das Treppenauge (Bild: Ku Ei, via google-Maps, 2023)

Scheibenberg, Aussichtsturm, Blick in das Treppenauge (Bild: Ku Ei, via google-Maps, 2023)

Erst schräg, dann gerade

Vieles am Neubau von 1994 erinnert an den Vorgänger von 1891: der achteckige Grundriss, genauer gesagt, ein Viereck mit verkröpften Ecken. Nicht zu vergessen, die ausgeprägte Sockelzone, das „Zipfelmützendach“ und die umlaufende Aussichtsplattform, auch wenn letztere nun deutlich großzügiger ausgefallen ist. Neu ist das Farbspiel zwischen weiß gefassten Wänden, gelben Fensterrahmen und sandsteinbraun getönten Stützen. Und, nicht minder bestimmend für die Außenwirkung, das Fensterband, das sich mit dem Treppenaufgang in die Höhe windet. Zudem sind jeweils die kurzen Ecken des Turms als gläserne Fugen ausgebildet, damit die Besucher:innen für den Panoramablick nicht bis zur Plattform warten müssen.

Wo der Vorgängerturm auf massives Mauerwerk setzte, inszeniert der Neubau seine moderne Leichtigkeit. Denn, was nach außen traditionell daherkommt, ist im Kern eine Kombination aus Fertigteilen wie Stützen, Brüstungsplatten, Treppe und Aussichtsplattform. Immerhin sind hier insgesamt gut 300 Kubikmeter Beton und fast 50 Tonnen Armierungsstahl verbaut. Selbst die Turmhaube, eine Leimbinderkonstruktion mit unterspannten Stahlelementen, wurde am Boden vormontiert und erst dann auf die Spitze gehoben. Ihr Dach ist mit vorpatiniertem Kupfer eingedeckt, die finale Wetterfahne vergoldet. In seinem Grußwort zur Einweihung spricht der damalige Scheibenberger Bürgermeister Wolfgang Andersky daher stolz davon, welch ein „modernes, statisch ausgeklügeltes und architektonisch gelungenes Bauwerk“ hier geglückt sei.

Scheibenberg, Aussichtsturm, Nebengebäude am Turmsockel mit Sitzstufen (links) und Konstruktionszeichnungen und Planungsvarianten der Turmspitze (Bilder: links: Jörg Seifert; rechts: Amtsblatt 1994, 3)

Scheibenberg, Aussichtsturm, Nebengebäude am Turmsockel mit Sitzstufen (links) und Konstruktionszeichnungen und Planungsvarianten der Turmspitze – links unten in der Grafik die realisierte Version (Bilder: links: Jörg Seifert; rechts: Amtsblatt 1994, 6)

In der Region verankert

Beim Nebengebäude, dem „Turmhäusel“, griff man nach außen wieder zum regionalen Basaltstein. Zusätzlich nimmt das begrünte Flachdach, das über Oberlichter Helligkeit in den Innenraum bringt, Bezug auf die naturnahe Umgebung. Davor lädt die Sockelzone, die als hohe Sitzstufen ausgebildet wurde, zum Rasten ein. Selbst die Bauform wird aus der Region abgeleitet, wie es das Amtsblatt zur Einweihung begründet: Das Achteck sei den Basaltsäulen entlehnt, die Farbgebung aus der historischen St. Annen-Kirche in Annaberg-Buchholz heraus entwickelt. So wundert es nicht, dass vor einem Jahr vor Ort stolz das 30-jährige Jubiläum des Turms begangen wurde. Und moderneaffine Besucher:innen freuen sich am Fensterband – wie eine Antwort auf die postmoderne Streifenfreude eines Mario Botta, nur eben mit sächsischen Mitteln.

Text: Karin Berkemann, Juli 2025

Scheibenberg, Aussichtsturm, Blick in das Treppenauge (Bild: Jörg Seifert)

Scheibenberg, Aussichtsturm in der Landschaft (Bild: Jörg Seifert)

Scheibenberg, Aussichtsturm, Blick in das Treppenauge (Bild: Jörg Seifert)

Scheibenberg, Aussichtsturm, Blick von der Aussichtsplattform (Bild: Jörg Seifert)

Scheibenberg, Aussichtsturm und Berggasthof (Bild: Norbert Kaiser, CC BY SA 4.0, 2017)

Scheibenberg, Aussichtsturm und Berggasthof (Bild: Norbert Kaiser, CC BY SA 4.0, 2017)

Amtsblatt der Stadt Scheibenberg 1994, 6.
Online-Auftritt des EZV (Erzgebirgszweigverein) Scheibenberg e. V.
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