
Diera-Zehren, Gemeinschaftskläranlage Meißen, Blick auf die Kläranlage vom linken Elbufer (Bild: M. Kaiser, 2025)
BAU: Gemeinschaftskläranlage Meißen
ADRESSE: Elbtalstraße 11, 01665 Diera-Zehren
BAUZEIT: 1992–1995
MITWIRKENDE: Weber-Ingenieure GmbH Pforzheim und Weber-Ingenieure Dresden GmbH
Fährt man nördlich von Meißen flussabwärts die Elbe entlang, durchquert man eine Reihe pittoresker Ortschaften, die sich an die rötlichen Elbhänge drängen. In diesem malerischen Landschaftspanorama erhebt sich, etwas überraschend, der Turm der Gemeinschaftskläranlage Meißen. Mit seinem blechernen Kreuzdach, an dessen vier Giebelseiten je ein rundes Fenster platziert ist, erinnert er an einen Leuchtturm. Umgeben wird er, nebst dem für solche Anlagen typisch ei-förmigen Faulbehälter, von langgestreckten Klärbecken und einem Ensemble aus Funktionsgebäuden unterschiedlicher Größe.

Diera-Zehren, Gemeinschaftskläranlage Meißen, Klärbecken und Pumpwerk (Bild: M. Kaiser, 2025)
In Rosarot
Abwasserklärwerke gehören seit dem späten 19. Jahrhundert zur grundlegenden Infrastruktur einer modernen Gesellschaft, bis heute werden sie häufig als funktionalistisch reduzierte Zweckbauten ausgeführt. Doch gelegentlich, wenn eine solide kommunale Finanzlage auf ein baukulturell aufgeklärtes Verwaltungspersonal trifft, entsteht hohe architektonische Qualität. Die Meißner Kläranlage verkörpert einen interessanten Mittelweg zwischen einem pragmatischen Zweckrationalismus und einem postmodern inspirierten Gestaltungswillen. Damit steht sie exemplarisch für eine ganze Reihe öffentlicher und privater Bauvorhaben, die in den 1990er Jahren in Ostdeutschland realisiert wurden.
Die Gestaltung der Gemeinschaftskläranlage Meißen setzt vor allem auf Farben, Formen und Materialen, die der Postmoderne entlehnt sind. Fast alle Gebäude zeigen eine zeittypische Fassadenverkleidung aus rosaroten Faserzementplatten, die laut den Entwurfsunterlagen gut mit dem rötlichen Sandstein und Porphyr der nahen Felswände harmonieren. Ergänzt wird dieses Farbkonzept durch einen dunkleren Bordeaux-Ton, der sich bei den Fensterrahmen, Türblättern und Lüftungslamellen findet.

Diera-Zehren, Gemeinschaftskläranlage Meißen, Haupteingang zum Betriebsgebäude (Bild: M. Kaiser, 2025)
Eine Frage des Materials
Die Hallen hinter den farbigen Fassaden sind schlichte Strukturen aus Stahlbeton, in ihren Abmessungen jeweils an die darin verorteten technischen Anlagen angepasst. Verbunden werden die Bauten nicht allein durch die Farbgestaltung, sondern auch die sich wiederholende Figur der Fenster: zwei hohe, sich spiegelbildlich gegenüberstehende Winkel, bekrönt von einem kleinen Kreis, wahlweise ausgeführt als Rundfenster oder Lüftungsöffnung. Damit ergibt sich ein sympathisches postmodernes Formenspiel, welches als abstraktes Motiv einer Toreinfahrt gedeutet werden kann.
Das Betriebsgebäude hebt sich in seiner Materialität von den restlichen Funktionsbauten ab, wenngleich die gelblich-rote Ziegelverblendung ebenfalls gut zu den umgebenden Felswänden passt. Wieder wird an Rundungen nicht gespart: Die Frontfassade vollführt eine konvexe Wölbung, sodass sich der Eingangsbereich bis zur Trauflinie der Attika hervorschiebt. In der Mitte dieser Auswölbung befindet sich über einigen halbrunden Treppenstufen das Haupteingangsportal, gerahmt von je drei Rundfenstern. Den oberen Abschluss der Eingangssituation bildet eine konkave halbrunde Einwölbung in der verblechten Attika.

Diera-Zehren, Gemeinschaftskläranlage Meißen, Treppenturm und Faulbehälter (Bild: M. Kaiser, 2025)
Ein Faul-Ei und ein Treppenturm
Ikonografisch wird die lockere Anlage am stärkten durch das sogenannte Faul-Ei mit seinem Treppenturm geprägt. Der Schaft ist mit hellem Trapezblech verkleidet, die Ecken werden mit bordeauxfarben gerahmten Fenstern optisch aufgelöst. Durch die verzinkte Verkleidung setzt sich der Giebel farblich vom unteren Teil ab. Die Wahl dieser Formen und Materialen zeigt deutlich, dass hier auf die Prinzipien der Postmoderne rekurriert wird. Gerade bei der Gestaltung der Fenster lassen sich vage Reminiszenzen an die Fassaden der Frankfurter Saalgasse erahnen. Das Zitieren postmoderner Vorbilder, ausgeführt mit günstigen Materialien und teils standardisierten Elementen, sind charakteristisch für das Bauen im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts.
Sollte man die Gelegenheit haben, über den Treppenturm auch die obere Plattform zum Faulbehälter zu begehen, eröffnet sich ein beeindruckend weiter Blick über das Elbtal. Leider wurde die Chance vertan, hier noch eine Sichtachse zur Albrechtsburg Meißen herzustellen.

Diera-Zehren, Gemeinschaftskläranlage Meißen, Blick ins Elbtal von der Plattform des Faulbehälters (links) sowie Blickrichtung Meißen (Bild: M. Kaiser, 2025)
Umweltschutz und friedliche Revolution
Der Abwasserzweckverband Meißen wurde 1991 gegründet, ein Jahr nach der deutschen Wiedervereinigung. Bekanntermaßen war die Umweltbewegung eine wichtige Treiberin der friedlichen Revolution, denn die Schäden waren in vielen Ortschaften und Gewässern Ostdeutschlands für jede:n sichtbar.
Während in der Bundesrepublik in den 1980er Jahren bereits 90 Prozent der Abwässer von Privathaushalten in Kläranlagen eingeleitet wurden, waren es in der DDR zur gleichen Zeit nur etwa 30 Prozent. Die Aufbereitung erfolgte meist in sogenannten Kleinkläranlagen, bei denen das Wasser lediglich gereinigt wurde. In einigen ländlichen Regionen Ostdeutschlands sind diese Anlagen teilweise noch heute verbreitet und müssen regelmäßig manuell entleert werden.

Diera-Zehren, Gemeinschaftskläranlage Meißen, Ensemble der Kläranlage, links die zylindrischen Pufferbehälter (Bild: M. Kaiser, 2025)
78.000 Menschen
Auch die historische Innenstadt von Meißen war in den späten 1980er Jahren noch nicht an die Abwasseraufbereitung angebunden. So dürfte das Großprojekt der Innenstadtsanierung, welches mit der Wiedervereinigung angestoßen wurde, die schnelle Entscheidung zum Bau einer zentralen Kläranlage begünstigt haben. Ausgeführt wurde das Projekt vom Planungsbüro Weber-Ingenieure GmbH aus Pforzheim gemeinsam mit seiner 1991 gegründeten Niederlassung Weber-Ingenieure Dresden. Das Dresdener Büro wurde 2015 ausgegründet und firmiert nun unter dem Namen MoCon Ingenieure GmbH.
Zeitzeug:innen der Projektierung der Gemeinschaftskläranlage Meißen wissen zu berichten, dass Planung und Bau nicht ohne Kontroversen waren. Sowohl die Gestaltung als auch die Baukosten wurden bürgerschaftlich und in den neu konstituierten, demokratischen Gremien der Gemeindeverwaltung kontrovers diskutiert und kritisiert. Damit zeigt sich an diesem Bauprojekt ganz plastisch, dass die neue Transparenz von Planungsverfahren und die Möglichkeiten zur Mitbestimmung rege in Anspruch genommen wurden. Ob letztendlich alle Beteiligten mit dem realisierten Bau zufrieden sind, kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden. Doch die Anlage erfüllt nun seit 30 Jahren ihren Zweck und reinigt das Abwasser von etwa 78.000 Menschen. Darüber hinaus bildet sie ein Kleinod für alle Liebhaber:innen postmoderner Alltagsarchitektur.
Text: Tina Kresse, 2025

Diera-Zehren, Gemeinschaftskläranlage Meißen, mittig die Turboverdichter-Station zwischen den Klärbecken (Bild: M. Kaiser, 2025)

Diera-Zehren, Gemeinschaftskläranlage Meißen, Formenspiel der Fenstergestaltung in fünffacher Wiederholung (Bild: M. Kaiser, 2025)

Diera-Zehren, Gemeinschaftskläranlage Meißen, Hallenbau mit Rechenanlage (Bild: M. Kaiser, 2025)
Online-Auftritt der AWE (Abwasserentsorgungsgesellschaft) Meißner Land.
Online-Auftritt des Ingenieurbüros MoCon (Nachfolgebüro von Weber-Ingenieure Dresden).
35 Jahre DDR, auf: Umwelt im Unterricht.
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