
Hamburg, Hoffmann-und-Campe-Verlagsgebäude, Zentralbau, Schauseite zum Harvestehuder Weg (Bild: Jörg Stiehler/Map of Architecture, 2023)
BAU: Hoffmann-und-Campe-Verlagsgebäude
ADRESSE: Harvestehuder Weg 40–42, 20149 Hamburg (mit Alsterkamp 31, 33, Harvestehuder Weg 41, 43, 44 und 45)
BAUZEIT: 1987–1991, 1999–2001
ARCHITEKTEN: Jourdan & Müller PAS (heute Jourdan & Müller Steinhauser Architekten) (Jochem Jourdan, Bernhard Müller; Mitarbeiter:innen: Thomas Auchter, Ingrid Holweg, Michael Merrill, Bettina Randelzofer, Maria Salzano, Helmut Winkler); Gustav Lange (Landschaftsgestaltung)
„Es durfte weitläufig sein. Stellen Sie sich vor, Sie kicken vom höchsten Punkt des Geländes einen Ball Richtung hangabwärts. Der sollte bis zum Alsterkamp rollen“, erinnert sich der Architekt Jochem Jourdan (* 1937) heute an das 1987 begonnene Projekt seines Büros, mittels zweier Neubauten aus einem historisch gewachsenen Villenviertel am Harvestehuder Weg eine Verlagssitz zu gestalten. Dies möglichst ohne schwerwiegende Eingriffe in die Bestandsbauten und die sie umgebende Parklandschaft. Denn das Areal war bereits seit über 50 Jahren Sitz des Verlags Hoffmann und Campe – und ohnehin bereits dessen Visitenkarte.

Hamburg, Hoffmann-und-Campe-Verlagsgebäude, Luftaufnahme, mittig beide Neubauten von 1991 (Harvestehuder Weg 42) (Bild: Jourdan Müller & Steinhauser Architekten)
Ergänzter Spätklassizismus
Auf dem von Harvestehuder Weg und Alsterkamp begrenzten Gelände stehen fünf historische Bauten. Darunter findet sich die 1878 errichtete Villa Harvestehuder Weg 41, entworfen von Martin Haller (1835–1925), einer der Architekten des Hamburger Rathauses. Hausnummer 45, errichtet 1930/31, stammt von Emil Fahrenkamp (1885–1966), der zur gleichen Zeit das Shell-Haus in Berlin realisierte. Nummer 45 ist der einzig klassisch moderne Bau des ansonsten spätklassizistischen Ensembles, das der Verlag einst nach und nach zusammenkaufte.
Zurückgesetzt zwischen den Hausnummern 41 und 43 entstanden durch das Büro Jourdan & Müller PAS zwei freistehende Neubauten, die sich auf die sanft Richtung Alster abfallende Topografie und auf die Formensprache der umgebenden Bauten beziehen. So ruht der Zentralbau auf einem geknickten Grundriss um zum rückwärtigen, nicht parallel verlaufenden Alsterkamp hin ebenfalls eine Schauansicht zu bieten. Beide Neubauten changieren zwischen der Postmoderne, Zitaten der klassischen Moderne und des Jugendstils sowie einem durchaus ironischen Eklektizismus: Die hochrechteckigen Sprossenfenster etwa stehen in ihrer Aufteilung auf dem Kopf.

Hamburg, Hoffmann-und-Campe-Verlagsgebäude, Zentralbau, Lichthof (Bild: Jourdan Müller & Steinhauser Architekten)
Giebel, Erker, Eingangsportale
Ziergiebel, Erker, Balkons und gestalterisch bedingte Fassadenversprünge gibt es bei den Altbauten reichlich. An beiden Neubauten, als Nummer 42 seither die Verlagsadresse, finden sie sich als kunstvolle Zitatesammlung wieder – bis hin zum Turm mit Belvedere. Die weißen Fassadenflächen sind nicht nur Merkmal des Klassizismus, sondern auch der Klassischen Moderne. Historisierende Sandsteinelemente wie die Rundstützen des Haupteingangsbereichs sowie einige Fensterlaibungen wechseln sich ab mit türkisfarbigen Stahlträgern. Auch die Rahmen der Glasdächer über den beiden Lichthöfen sind türkis – eine Farbe, die längst Visitenkarte der Postmoderne ist.
1992 wurde der als Villa inszenierte Bürobau fertiggestellt, die ihn rahmenden Altbauten ließ der Verlag unter Beibehalten ihres ursprünglichen Charakters restaurieren, teils durch andere Büros wie Grundmann/Rehder. Das Gebäude Harvestehuder Weg 40, die Verlegervilla, wurde schließlich von 1999 bis 2005 von Jourdan & Müller PAS durch einen nahezu gleichgroßen, rückwärtigen Erweiterungsbau ergänzt. Er ist, deutlich als jüngere Hinzufügung erkennbar, im gleichen zitatreichen Stil wie der neue Zentralbau gehalten und mit diesem durch einen unterirdischen Gang verbunden.

Hamburg, Hoffmann-und-Campe-Verlagsgebäude, beide Neubauten von 1991 (Harvestehuder Weg 42) zum Alsterkamp hin (Bild: Jörg Stiehler/Map of Architecture, 2023)
Wegen des Grüns in den Untergrund
Die unterirdischen Verbindungen, die im Lichthof des Neubaus münden, sind nicht bloß reiner Effekt: Dank dieser Lösung konnten die Architekten die Eingriffe in die Parklandschaft so gering wie möglich gestalten. Es gibt auch eine Tiefgarage, die auf den ersten Blick gleichwohl fast unsichtbar bleibt: Als Einfahrt dient die ursprüngliche Garage der Fahrenkamp-Villa. Auch musste kein einziger Baum des uralten Bestandes während der Bauarbeiten gefällt werden. Der Landschaftsarchitekt Gustav Lange (1937–2022), Schüler von Herrmann Mattern und von 1989 bis 2002 Professor an der Universität Kassel, war an der Geländeplanung beteiligt. Ob er die auch Idee mit dem Ball hatte, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen …

Hamburg, Hoffmann-und-Campe-Verlagsgebäude, beide Neubauten von 1991 (Bild: Jörg Stiehler/Map of Architecture, 2023)
Architektur und Städtebau
Jochem Jourdan und Bernhard Müller gründeten die „Projektgruppe Architektur und Städtebau“ (PAS) 1970. Jourdan & Müller PAS realisierten etliche Großprojekte wie die documenta-Halle Kassel (1992), das Bundesministerium für Bildung und Forschung in Berlin (1998–2000) und die Landeszentralbank Frankfurt am Main (1981–1987, mit Landes, Rang, Albrecht und Berghof). Der Frankfurter Hochhausrahmenplan von 1998 stammt von Jochem Jourdan.
Neben all diesen Leuchtturmprojekten spielte das Bauen im Bestand für das Büro von Anfang an eine zentrale Rolle: Einer der ersten Aufträge war der Umbau des Höchster Schlosses (1970–1972). Von 1976 bis 1978 sanierten Jourdan & Müller in Marburg das historische Wohnhaus von Heinrich Klotz, 1984 bis 1988 erster Direktor des Deutschen Architekturmuseums Frankfurt am Main (DAM) und einer der Wegbereiter der Postmoderne in Westdeutschland. Die 2018 abgeschlossene Rekonstruktion des Hauses „Goldene Waage“ in der Neuen Altstadt Frankfurt am Main ist das jüngste Projekt von Jochem Jourdan, und derzeit führt das Büro die Brandschutzsanierung der Alten Oper Frankfurt durch – ein Neorenaissance-Bau von 1880 mit postmodernen Innenräumen aus den 1980er Jahren.
Text: Daniel Bartetzko, Frankfurt am Main, Mai 2023

Hamburg, Hoffmann-und-Campe-Verlagsgebäude, Zentralbau, Entwurfsskizze zum Lichthof von Jochem Jourdan, 1989 (Bild: Jourdan Müller & Steinhauser Architekten)

Hamburg, Hoffmann-und-Campe-Verlagsgebäude, Zentralbau, Schauseite zum Harvestehuder Weg (Bild: Jourdan Müller & Steinhauser Architekten)

Hamburg, Hoffmann-und-Campe-Verlagsgebäude, Heine-Denkmal (Bild: Pauli-Pirat, CC BY SA 4.0, 2019)

Hamburg, Hoffmann-und-Campe-Verlagsgebäude, links: Lichthof des Zentralbaus; rechts: Zentralbau hinter dem Heine-Denkmal (Bild: Jourdan Müller & Steinhauser Architekten)

Hamburg, Hoffmann-und-Campe-Verlagsgebäude, Zentralbau, Foyer (Bild: Jourdan Müller & Steinhauser Architekten)

Hamburg, Hoffmann-und-Campe-Verlagsgebäude, Detail der Neubauten von 1991 (Bild: Jourdan Müller & Steinhauser Architekten)

Hamburg, Hoffmann-und-Campe-Verlagsgebäude, Fassadendetails der Neubauten von 1991 (Bild: Jourdan Müller & Steinhauser Architekten)

Hamburg, Hoffmann-und-Campe-Verlagsgebäude, Harvestehuder Weg 14, Erweiterungsbau von 2001 (Bild: Jourdan Müller & Steinhauser Architekten)

Hamburg, Hoffmann-und-Campe-Verlagsgebäude, Harvestehuder Weg 14, Erweiterungsbau von 2001 (Bild: Jourdan Müller & Steinhauser Architekten)

Hamburg, Hoffmann-und-Campe-Verlagsgebäude, Harvestehuder Weg 40, historischer Teil (Bild: Jourdan Müller & Steinhauser Architekten)

Hamburg, Hoffmann-und-Campe-Verlagsgebäude (Bild: Jourdan Müller & Steinhauser Architekten)

Hamburg, Hoffmann-und-Campe-Verlagsgebäude, Harvestehuder Weg 41 (links) und 43 (Bild: Pauli-Pirat, CC BY SA 4.0, 2019)

Hamburg, Hoffmann-und-Campe-Verlagsgebäude, Harvestehuder Weg 41, ehemalige Villa Krogmann (Bild: MeiBo, CC BY SA 3.0, 2010)

Hamburg, Hoffmann-und-Campe-Verlagsgebäude, Harvestehuder Weg 43 (Bild: MeiBo, CC BY SA 3.0, 2010)

Hamburg, Hoffmann-und-Campe-Verlagsgebäude, Harvestehuder Weg 45, Haus Kruspig (Bild: MeiBo, CC BY SA 3.0, 2010)
Poesie an der Alster. Neubau eines Verlagsgebäudes in Hamburg, in: AIT 1992, 4, S. 18–23.
Lange, Ralf, Architekturführer Hamburg, Stuttgart 1995, S. 133–134.
Online-Präsenz des Büros Jourdan & Müller Steinhauser.
Online-Präsenz des Verlags Hoffmann und Campe.
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